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27 Apr 2015

Jochen Mai: „Das Blog ist keine Raketenwissenschaft, sondern überwiegend Handwerk”

Storytelling-Experten im Gespräch (Nr. 13/2015)

Jochen Mai bloggt seit 2002. Er ist Autor von drei internationalen Bestsellern, Kommunikations- und Strategieberater und seit 2013 selbstständiger Unternehmer. Er hat mehr als 90.000 Follower auf diversen Social Media Plattformen und ist Preisträger des Lead-Awards (karrierebibel.de) und “Empfehlenswert” der Stiftung Warentest 2009. Außerdem erreichte er “Platz 6 der wichtigsten Köpfe aus Kommunikation/PR/Social Media” (3/2014, t3n Magazin). Er berät Unternehmen bei dem strategischen Einsatz von Social Media und coacht Teams in Sachen Corporate Blogging und Content Strategie. Er doziert an der Fachhochschule Köln und ist ein gefragter Keynote- und Social Media Speaker.

Jochen Mai bloggt seit 2002 und ist seit 2013 selbstständiger Unternehmer und Autor von drei internationalen Bestsellern, Kommunikations- und Strategieberater.

Jochen Mai – ist Autor, Kommunikations- und Strategieberater und seit 2013 selbstständiger Unternehmer.

Luisa Busemann: Warum haben Sie das Blog karrierebibel.de ins Leben gerufen?

Jochen Mai: Das Blog ist als gleichnamiges Projekt zu meinem Buch entstanden. Ende 2007 erschien das Buch „Die Karrierebibel”. Davor habe ich schon einige Zeit gebloggt, allerdings anonym. Ich empfand das Bloggen als spannende Entwicklung für die Medienlandschaft. Das hat mich gereizt und ich habe mit einigen Blogs, Formaten und Inhalten experimentiert. Irgendwann musste ich allerdings feststellen, dass ich unheimlich viel Arbeit reinstecke, ohne dass das irgendeinen Nutzen hat. Meine Frau meinte sogar, dass ich lieber etwas Anständiges machen soll. Also habe ich die Blogs vorerst beendet und ein Buch geschrieben, mein erstes. Der Blog-Gedanke war natürlich immer noch im Hinterkopf, entsprechend ist die Karrierebibel wie ein Tagebuch aufgebaut: ein Buch mit 366 (wg. des Schaltjahres) Kapiteln, für jeden Tag eins. Das ist einem Blog sehr ähnlich, weshalb auch der Gedanke nah lag, ein Blog zum Buch zu starten, um Marketing für das Buch zu betreiben. Das gleichnamige Blog ging dann im Juni 2007 online – ein halbes Jahr vor dem Erscheinungstermin des Buchs. Mein Ziel war, mindestens 1.000 Leser am Tag zu haben und dadurch Einfluss auf dem Buchmarkt zu generieren. Meine Erfahrung aus den früheren Blogs war: Mit 1.000 Lesern am Tag kann man einiges bewegen, zumal Blogs 2007 noch echte Exoten waren. Man konnte viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen und viele Multiplikatoren ansprechen. Glücklicherweise gelang mir das dann auch: Zum Buchstart hatte ich rund 1.500 tägliche Leser auf der Seite und das Buch startete damit direkt durch. Damals war ich vielleicht einer der ersten Autoren überhaupt, die so gezielt mit einem Blog Marketing für ihr Buch gemacht haben. Beide – Blog und Buch – haben sich so gegenseitig befruchtet. Das Buch ist ein Bestseller geworden, das Blog ist aber dann noch viel größer geworden. Heute hat es über (unique) 70.000 Leser am Tag, also rund zwei Millionen im Monat. Ich staune immer noch, was da über die Jahre gewachsen ist. Das hat sich von einem persönlichen Blog, oder reinem Buch-Marketing zu einem vollwertigem Portal und Unternehmen mit festen Mitarbeitern und Umsätzen entwickelt.

Luisa Busemann: Wie viele Autoren schreiben für karrierebibel.de und wie viele Beiträge schreiben Sie pro Woche?

Jochen Mai: Wir haben neben mir drei feste Autoren. Darüber hinaus haben wir noch feste-freie Autoren und regelmäßig Kolumnisten, sodass wir derzeit auf sieben bis acht Autoren kommen. Dann haben wir noch einige Gastautoren, die allesamt Wiederholungstäter sind. Allerdings haben die keinen festen Erscheinungsrhythmus. Pro Tag veröffentlichen wir zwischen vier bis fünf, manchmal sogar sechs Beiträge.

Luisa Busemann: Gibt es eine Art Redaktionsplan für das Blog?

Jochen Mai: Klar haben wir einen Redaktionsplan. Den planen mein Team und ich grob vor und dann arbeiten wir den wöchentlich im Team aus und unter der Woche ab. Das besprechen wir mit allen gemeinsam und arbeiten über kollaborative Tools.

Luisa Busemann: Welche thematischen Schwerpunkte sind am erfolgreichsten bei karrierebibel.de?

Jochen Mai: Eigentlich haben wir eine bunte Mischung von allem. Wir sind natürlich stark in bestimmten Feldern, wo uns Google offensichtlich auch gegenüber dem Rest am besten eingestuft hat. Wir haben ungefähr 33 Prozent Stammleser, die direkt karrierebibel.de ansteuern. Per Social Networks oder Google kommt dann der Rest rein – meist natürlich über Artikel, mit denen wir besonders gut ranken. Die Leute suchen über Google & Co. nach bestimmten Begriffen – und finden uns. Das kann man aber schwer als erfolgreiche Schwerpunkte bezeichnen. Ja, sie sind erfolgreich, erzielen viel Traffic, aber wir achten trotzdem noch darauf, eine gute Mischung zu haben. Neben zahlreichen Bewerbungsthemen eben auch Tipps für Studenten, psychologische Studien, Geschichten aus dem Joballtag und nützliche Tools. Wir haben ja auch ein breit gefächertes Publikum: Unsere Leser sind im Alter von 18 bis über 60 Jahren. Entsprechend schreiben wir für Abiturienten und geben Tipps zur Studienwahl oder über Jobs für Senioren. Da ist alles dabei.

Luisa Busemann: Warum brauchen Unternehmen Blogs?

Jochen Mai: Da gibt es gleich eine Reihe von Gründen. Wo soll ich denn anfangen? (lacht) Viele Unternehmen meinen leider oft, Blogs wären immer noch so eine Art Tagebuch. Das war früher mal so. Wenn man sich anschaut, was moderne Corporate Blogs heute publizieren, dann sehen die eher aus wie Magazine – allerdings basierend auf einer Blogsoftware. Das ist dynamischer Content, der in diverse Social Media distribuiert wird. Diese Blogs sind klassischen Webseiten in vielen Punkten sogar überlegen. Und sie haben Vorteile gegenüber Profilen auf Facebook, Twitter oder Google+. Das geht es schon beim Design los: Wenn Sie heute auf Facebook, Twitter & Co. als Unternehmen präsent sein wollen, dann sind Sie dort niemals Eigentümer – eher Untermieter. Entsprechend müssen Sie sich an die dortige Hausordnung und Designvorlagen halten. Sicher, die Reichweite dort ist ganz attraktiv. Aber die Seite gehört Ihnen nicht. Sie geben sogar diverse Rechte – an Bildern, Texten, Nutzerdaten – an die Betreiber ab. Ist das ein nachhaltiges Investment? Ich meine nicht. Zumal eine Facebook-Seite immer aussehen wird, wie eine Facebook-Seite. Ein eigenes Corporate Blog aber gehört ihnen – und es kann ganz individuell aussehen. Eben zur Marke werden oder dazu perfekt passen. Zudem können Inhalte aus einem Blog in alle anderen Social Media Kanäle geteilt werden. Das ist wichtig, wenn Sie Ihre Zielgruppe ansprechen wollen. Aber versuchen Sie mal aus Facebook heraus Ihren Post zu twittern – oder besser noch: Ihre begeisterten Lesen den Post twittern zu lassen… geht nicht! Das geht eben nur in einem Blog. Entsprechend hoch ist die Reichweitenwirkung, wenn Ihre Blogleser zu Fans und Botschaftern werden. Umgekehrt können Sie in Blogs diverse Posts „embedden”, also einbinden. Einen Tweet, werden Sie nie bei Facebook embedden können, allenfalls über einen Screenshot. Eben weil diese Netzwerke alle untereinander konkurrieren. Im Blog aber wird aus dem Embedded Content sogenannter Curated Contend, den Sie erweitern können und damit Mehrwert schaffen. Und das Beste: All die Daten, Links, Kommentare gehören Ihnen. Dauerhaft. Sie generieren so einen Bestandswert. Denn auch wenn Facebook heute mega-hipp ist: Kein Mensch weiß, ob nicht in drei Jahren ein junges Netzwerk aus China durchstartet und alle anderen alt aussehen lässt. Dann sind die dortigen Profile schnell wieder wertlos. Die eigene Seite aber bleibt mitsamt der Stammleserschaft.

Luisa Busemann: Wie wird eine Marke/Dienstleistung mit guten Inhalten/Geschichten gestärkt? Wie werden Inhalte relevant und sinnvoll für den Nutzer?

Jochen Mai: Relevant wird man durch gute Geschichten! Einfach eine Pressemitteilung zu bloggen ist an der Zielgruppe vorbeigeschrieben. Letztendlich müssen Sie immer gute und vor allem relevante Geschichten erzählen. Relevant wiederum ist das, was der Leser wissen will und was ihn weiterhilft. Die meisten Unternehmen versuchen Geschichten zu erzählen, die für sie als Unternehmen relevant sind. Das ist aber eben nur Werbung. Relevanz entsteht für mich als Leser aber erst, wenn mich der Autor in meiner Situation mit meinem Problem abholt und mir dafür eine gute Lösung anbietet. Das ist das ganze Geheimnis guter Geschichten: Man muss die Geschichte aus der Sicht des Lesers erzählen und letztendlich auch das Problem des Lesers lösen.

Luisa Busemann: Wenn Sie Teams in Sachen Corporate Blogging und Content Strategie coachen, auf was legen Sie besonders viel wert?

Jochen Mai: Den meisten Redaktions-Teams, so jedenfalls meine Erfahrung, gehen leider viel zu schnell die Themenideen aus. Ich zeige dann, wie man Themen- und Redaktionspläne langfristig plant und aufbaut, Themen findet, mehr aber noch diese interessant und abwechslungsreich aufbereitet. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Varianzen, die vielen unbekannt sind, aber Geschichten viel spannender und interessanter machen. Das nutzen viele Unternehmen nicht. Sie erzählen immer gleich und trauen sich nicht zu experimentieren. Dieses Spielerische und Experimentierfreudige macht aber den Unterschied aus, ob eine Seite interessant für die Leser ist, oder eben nicht. Ein Corporate Blog muss wie ein bunter Blumenstrauß an Geschichten sein, eine kleine Wundertüte, die mich jedes Mal aufs Neue fasziniert und anlockt. Ich muss da jede Woche reinschauen wollen – am besten mit der Frage:  Was haben die sich wohl dieses Mal ausgedacht? Das alles ist keine Raketenwissenschaft, sondern überwiegend Handwerk – und das versuche ich den Teams zu vermitteln und beizubringen.

Luisa Busemann: Vielen Dank.

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1 Kommentare
  • Markus Knuff
    2015-06-25 13:30:33

    Sehr, sehr interessanter Beitrag zu einem wirklich nicht minder interessantem Thema! Ich finde es beachtlich was alles aus einer Idee, einer Vision werden kann, wenn man richtig und vor Allem mit einem gesunden Durchsetzungsvermögen, an besagtem Projekt arbeitet. Zudem sind die angesprochenen Themen auf dem Blog "Karrierebibel.de" nicht nur interessant sondern auch noch extrem hilfreich was das Berufliche angeht. Gerne mehr davon in Zukunft! LG Markus